Teil 2: Die Hoffnung stirbt zuletzt…

Ich war schon sehr genervt und machte mir verständlicherweise Sorgen. Mein Mann ist nach Hause zu den Mädels gefahren, damit Schwiegereltern die Heimreise antreten konnten.

Jonathan und ich folgten der Krankenschwester auf die Intensivstation. Dort angekommen legte man ihn in ein Baby Intensiv Pflegebett. Es wurde noch mehr Blut abgenommen für verschiedene Untersuchungen. Er wurde noch einmal gewogen und vermessen. Ich hatte nun doch angefangen zu weinen. Mein perfektes zu Haus geborenes Baby zu sehen, wie es gepiekt wird und von so vielen Händen angefasst wird. Auf dieser gruseligen Station wo es überall piept und bimmelt. Das alles wurde mir nun doch zu viel. Ich wollte ihn am liebsten einfach nur einpacken und Heim fahren. Mir bat die sehr nette Schwester einen Liegestuhl und einen Tee an. Alle beruhigten mich und meinten es wird bald alles wieder gut sein.

23:30 Uhr

Der Oberarzt kam um sich Jonathan anzusehen. Er bestätigte die Vermutung seines Assistensarztes und meinte 10 Tage Antibiotikum i.V. wären nötig damit er wieder Gesund wird. Puhh…erleichtert aber genervt von dem uns bevorstehenden langen Krankenhausaufenthalt rief ich meinen Mann an um ihm das mitzuteilen. Damit hatte er nicht gerechnet. Wir vereinbarten am folgenden Tag zu besprechen, wie wir die Betreuung der Mädels und die ganzen Dinge zu Hause organisieren wollen. Dann verabschiedeten wir uns.

24:00 Uhr

Irgendwie sprach niemand so wirklich mit mir. Alle wuselten um Jonathan herum, gingen raus,kamen rein, tuschelten und warfen mit Fachbegriffen um sich. Er bekam einen Zugang. Der Oberarzt rollte ein Ultraschallgerät rein. Er fing an Jonathans Bauch zu schallen. Immer wieder sagte er leise etwas zu seinem Assistenzarzt. Zeigte dabei manchmal auf den Bildschirm und benutzte Worte, die ich noch nie vorher gehört hatte.  Das ging ca. 30 min so. Ich stand derweil auf der anderen Seite des Bettchens und streichelte mein weinendes Baby. Mein Magen war so flau und jede Minute die diese Untersuchung länger dauerte wurde mir schlechter. Zwischendurch wagte ich es das Fachgesimpel durch eine Frage zu unterbrechen. Bekam aber nie eine Antwort, sondern nur den Hinweis, dass es noch einen Moment dauert. Mir wurde nun aber klar, dass sie ja etwas gesehen haben mussten was da nicht hingehört oder das etwas fehlt. Es kam mir wie eine halbe Ewigkeit vor, bis sie endlich fertig waren mit dem Ultraschall.

Der Oberarzt zeigte mir nun wo das Problem lag. Er vermutete eine Darmverschlingung und einen dadurch bedingten Darmverschluss. Ich konnte auf dem Ultraschall, ehrlich gesagt, nichts erkennen. Er meinte, er müsse nun mit dem Chefarzt der Kinderchirurgie telefonieren und wahrscheinlich müsste Jonathan noch in dieser Nacht operiert werden.

Bums….das hat mich umgehauen. Der Oberarzt ging und ich stand einfach nur weinend am Bettchen meines total verkabelten Babys.

1:30 Uhr

Der Oberarzt kommt wieder herein. Er habe mit dem Kinderchirurgen besprochen am nächsten Morgen erst nochmal ein Ultraschall und ein Röntgen zu machen. Danach würde man entscheiden was zu tun ist.

Sie legten Jonathan noch eine Magensonde damit der Mageninhalt abfließen kann und er sich nicht dauernd erbrechen muss. Mit einer Spritze hat die Schwester das Meiste schon aus dem Magen gezogen. 80ml grüner Mageninhalt. Stillen durfte er nun erstmal nicht mehr. Für sein Saugbedürfnis bekam er einen Schnuller. So lag er den Rest der Nacht in meinen Armen. Ich in diesem Liegestuhl mit meinem Baby, was nun doch leider ganz richtig auf dieser Station war.

Am Montag um 9:00 Uhr ging es dann weiter mit den Untersuchungen. Röntgen und Ultraschall mit 2 Kinderchirurgen. Einer von Ihnen spühlte mit einer Spritze, an der  vorne eine Magensonde aufgesteckt war, vom After aus Kochsalz in den Darm. Er versuchte die Sonde soweit wie möglich hoch zu schieben. Zum einen konnte man so im Ultraschall sehen wie weit der Darm durchgängig war, zum anderen bestand noch ein bißchen Hoffnung durch das Kochsalz eine eventuelle Verstopfung zu lösen.. Zuerst vermuteten sie, dass ein Teil des Dickdarms sich in sich verdreht hatte. Doch dann kamen sie zu dem Ergebnis, dass es der obere Teil des Dünndarms war. Der Durchmesser war um das ca.4-5 fache größer als er sein sollte. So stand es nun fest das dort etwas nicht stimmte. Was es genau war konnte man im Ultraschall und auch im Röntgenbild nicht sehen. Also nach kurzer Besprechung der Ärzte, stand fest Jonathan muss operiert werden. Heute noch.

Ich fragte ob es nicht einfach nur eine Verstopfung sein könnte. Hatte Hoffnung es löst sich einfach von alleine. Einmal die Windel voll und wir gehen Heim. Der Oberarzt meinte das könnte passieren, wäre aber unwahrscheinlich. Doch ich klammerte mich den ganzen Vormittag daran fest. Unserem Baby würde so etwas nicht passieren. Wir haben doch schon unsere besondere Aufgabe mit Luisa. Und wenn es doch so ist, was habe ich dann falsch gemacht? War es der Laptop auf dem Schoss während der Schwangerschaft? Hab ich zu wenig Vitamine gegessen? Warum wir? Warum unser wunderschönes Baby? Ist es meine Schuld?

Diese Fragen und noch viel mehr kreisten in meinem Kopf herum. Ich wollte das nicht so hinnehmen. Hielt mein Baby immer noch durchgehend in meinen Armen. Verließ den Raum nur für die Toilette.

Jonathan half die Magensonde sehr. So musste er sich nicht mehr übergeben. Seine Werte stabilisierten sich. Die Nieren waren bei der Aufnahme schon kurz davor ihre Tätigkeit einzustellen. Das lag an dem hohen Flüssigkeitsmangel durch das Erbrechen. Auch dafür bekam er ein Medikament. Er hatte allerdings großen Hunger und verstand nicht warum ich ihm immer wieder dieses doofe Plastikding in seinen kleinen süßen Mund stopfte. Er war so tapfer! Viel stärker als ich, die immer wieder in Tränen ausbrach.

Die Intensivschwestern waren alle sehr nett. Versuchten mich aufzumuntern und zu beruhigen. Mit Sätzen wie:“ Sie brauchen nicht zu weinen, es gibt viel schlimmere Fälle. Das wird schon alles wieder gut.“

Ja, das stimmt. Es gibt sicher viel, viel schlimmere Diagnosen und Krankheiten. Aber hey, der kleine Mensch dort in diesem Bettchen ist mein Fleisch und Blut. Ich hab ihn 9 Monate unter meinem Herzen getragen, mit ihm eine wunderschöne und intensive Geburtsreise erlebt. Ich will nicht, dass ihm jemand weh tut, dass er Schmerzen hat und auch nicht dass ihm der Bauch aufgeschnitten wird. Ich ertrage es nicht ihn vor Hunger schreiend auf meinem Arm zu haben und ihn nicht stillen zu dürfen.

Gegen 12:00 Uhr kam der Kinderchirurg um mir nun genau zu erklären was in der OP gemacht wird und womit wir zu rechnen haben. Ich hörte wie in Watte gepackt zu und bemühte mich nicht zu weinen. Um 16:00 Uhr soll Jonathan vorbereitet werden und in den OP kommen. Dort wird dann der Bauch geöffnet. Die Ärzte gehen von einer Dünndarmartresie aus. Es gibt verschiedene Formen der Artresie. Welche es ist wird man in der OP sehen.

OK…oder auch nicht….auch der Chirurg versichert mir, dass diese Fehlbildung keine Seltenheit ist (Die Häufigkeit der Dünndarmatresie wird auf 1,3:10.000 geschätzt Quelle: http://symptomat.de/D%C3%BCnndarmatresie) und alles bald wieder gut ist. Ich könne mich auf die Chirurgen verlassen. Blablalbla…. Nein ich will das alles nicht! Ich pack mein Baby und gehe. Wie gern hätte ich diesen Satz laut herausgeschrien. Wie gern wäre ich schweißgebadet aufgewacht, mit dem Wissen das alles nur ein Traum war. Ein Albtraum!

Dann folgte das Gespräch mit dem Narkosearzt. Der hatte nun das Pech mit einer heulenden, schluchzenden, voll vermummten ( Mundschutz, Kittel, Haube, Handschuhe) Mutti zu sprechen. Ich konnte einfach nicht aufhören zu weinen.

Um ca. 15:30 Uhr fingen die Schwestern an alles vorzubereiten. Die Beatmungsmaschine wurde reingeholt und angeschlossen. Ich durfte ihn nun nicht mehr in meinen Armen halten. Musste aus 3 m Entfernung zusehen wie die Schwestern und Ärzte ihn für die OP zurecht machten. Ein Gefühl, als wenn alles um einen herum wie in einem Film abläuft.

Ich wurde gebeten nun in mein Elternzimmer zu gehen. Sie würden sich melden wenn er aus dem OP kommt. So verabschiedete ich mich von Jonathan und ging zum Elternzimmer. Mit jedem Schritt den ich mich von ihm entfernte tat es mir körperlich weh. Ein grausiges Gefühl. Oben angekommen ging ich unter die Dusche und weinte. Alles musste raus. Die Wut, die Angst, die Hilflosigkeit! Nach der Dusche legte ich mich auf das Bett und fiel in einen komatösen Schlaf. Ich hatte ca 34 Stunden nicht mehr geschlafen. In meinem Arm hielt ich seine Babydecke und sein Häubchen. Es duftete alles so herrlich nach Joni. Um 18:45 Uhr wachte ich auf. Nicht viel erholter als davor aber wenigstens geduscht. Mein Weg führte mich ohne Umwege direkt auf die Intensivstation. Dort angekommen lief ich hin und her, die Uhr immer fest im Blick. Um 19:40 Uhr sagte mir die Schwester sie geht nun runter um ihn aus dem Aufwachbereich zu holen. Quälende 15 min später rollte er zu Tür hinein. Wieder durfte ich nur aus der Entfernung zusehen, wie sie ihn an die Beatmungsmaschine anschlossen, alles um ihn herum organisierten und ordneten. Endlich durfte ich zu Ihm. Mein Baby mit so vielen Kabeln und Schläuchen, mit einer riesen Narbe auf seinem süßen Bauch. Nicht nur eine Narbe, auch ein künstlicher Darmausgang war nun ein Teil von ihm.

Der Professor der Kinderchirurgie kam nach ca. einer Stunde um mir genau zu erklären was gemacht wurde und warum.

Jonathan hat eine sogenannte Jejunalatresie Typ IV.

Die Medizin teilt die Atresie des Dünndarms in mehrere Formen ein. Bei Typ I liegt eine Vorwölbung der Membran vor. Von Typ II ist die Rede, wenn blinde Enden bestehen, deren Verbindung durch ein bindegewebiges Band erfolgt. Im Falle von Typ IIIa verfügen die blinden Enden nicht über eine Verbindung. Typ IIIb trägt auch die Bezeichnung Apple-Peel-Deformität. Von Typ IV sprechen Mediziner, wenn mehrere Atresien hintereinander bestehen.

Quelle: http://symptomat.de/D%C3%BCnndarmatresie

Das heißt,ziemlich direkt nach seinem Magen kam ein Stück Darm der intakt war, dann ein Stück Bindegewebe so dick wie ein Bleistift, dann wieder ein Stück intakter Darm. In dieser Reihenfolge lag es ca. 7 mal vor. So hatte sich das Mekonium gesammelt und konnte nicht weiter in den Dickdarm transportiert werden. Es mussten ca. 15 cm Dünndarm entfernt werden. Der obere Dünndarm war durch das angesammelte Mekonium  4-5 mal größer als normal.

Da nun der Durchmesser des oberen Dünndarms größer war als der des unteren unterentwickelten Dünndarms, konnten die beiden Enden nicht einfach wieder zusammengenäht werden. Sie legten einen doppel endständigen Anus praeter an.

Aus dem Bauch schaute nun das Ende des oberen Dünndarms raus, darunter direkt das dünnere, ganz kleine Ende des unteren Dünndarms. Beides war erstmal abgedeckt.

Auf die Frage wie lange es  dauern würde bis alles wieder verheilt ist und wir nach Hause können, sagte er, so genau könne man das nicht sagen. Das wäre bei jedem Kind anders. Aber 6 Wochen mindestens. Wahnsinn,dachte ich mir. Wie sollen wir das schaffen? Wie soll das gehen?

Ich wich nicht von Jonathans Seite, pumpte meine Milch ab und legte meine Elefantenähnlichen Wasserfüße hoch. Was mit diesem blöden Liegestuhl nicht wirklich klappte.

Ihn da liegen zu sehen, riß mir das Herz in tausend Teile. Ich hätte sofort mit ihm getauscht, um ihm das alles zu ersparen.

So verging die erste Nacht nach der OP ohne Komplikationen.

 

 

Nächste Woche kommt dann Teil 3.

Bis bald,

Claudia

 

 

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